Zwischen Erinnerung und Gegenwart: Die feinlasierte Verlaufsmalerei von Verena Hoffmann-Meda
Hände von Verena Hoffmann-Meda streichen mit zwei Pinseln über eine rote Oberfläche.
Foto: Tobias Schäfer
Polaroided 2 – Use it ist ein Werk, das von Freiheit und Dynamik durchdrungen ist, eine Hommage an die unerschöpfliche Schaffenskraft des kreativen Aktes. Hoffmann-Meda gelingt es, einen Gedanken in ein Bild und ein Konzept in eine visuelle Erfahrung zu überführen, wobei sie die Betrachtenden dazu einlädt, nicht nur zu schauen, sondern sich als Teil dieser fortwährenden Bewegung zu begreifen." (Übersetzung aus dem Italienischen)
Prof. Francesco Garofalo
Critico d'Arte, Preside facoltà Critica e Storia dell'Arte Università Elvetica ISFOA
Verena Hoffmann-Meda arbeitet an der Schnittstelle von Gegenständlichkeit und Abstraktion als bewusste Methode, Wahrnehmung zu öffnen. Ihre Bilder gehen von einem Phänomen aus, das jeder kennt und doch schwer zu fassen ist: Erinnerungen sind selten „klar“, sondern überlagern sich mit Wünschen, nachträglichen Deutungen und dem, was tatsächlich gelebt wurde. Genau diesen Zustand übersetzt sie in Malerei. Der Farbverlauf bildet dabei einen Bildraum: ein atmosphärisches Feld, in dem sich der Blick beruhigen kann, um dem eigenen inneren Archiv nachzuspüren.
Technisch basiert diese Wirkung auf einer bemerkenswert disziplinierten, schichtorientierten Arbeitsweise. Verena Hoffmann-Meda baut ihre Verläufe in bis zu zehn Acrylschichten auf. Dadurch entsteht jene leuchtende Tiefe, die man nicht durch eine einzige „schöne“ Farbmischung erreicht, sondern nur durch wiederholtes und kontrolliertes Auftragen, Trocknen nund Überarbeiten. Besonders sichtbar wird diese Präzision an den Übergängen zu abgeklebten Partien: Dort erscheint eine klare, elegante Farbkante, wie eine feine Schnittlinie, die die weiche Atmosphäre des Verlaufs mit einer fast grafischen Bestimmtheit konfrontiert. Diese Spannung zwischen dem Sanften und dem Exakten ist Teil der Handschrift.
Für großformatige Leinwände nutzt Hoffmann-Meda zudem ein eigenes Werkzeug: ein selbst gebautes Konstrukt aus mehreren fixierten Pinseln, das eine breitere Pinselfläche erzeugt. Das klingt zunächst pragmatisch, ist aber in Wahrheit konsequent. Denn ein überzeugender Verlauf im großen Maßstab scheitert oft an sichtbaren Ansatzstellen und unruhigen Übergängen. Durch die vergrößerte, gleichmäßig geführte Pinselzone kann sie die Farbe in einer einzigen, ruhigen Bewegung „ziehen“, ohne dass die Fläche ihre Geschlossenheit verliert. Das Resultat ist eine organisch wirkende Qualität der Farbübergänge,wie Licht, das sich über eine Fläche legt.
Erst im Anschluss erlaubt sie dem Bild eine zweite, impulsivere Sprache. Mit schnellen, schwungvollen Bewegungen setzt Verena Hoffmann-Meda Spritzer, Linien und Spuren, mit Pinsel, Spachtel, teils auch mit einer Spritze. Richtung, Dichte und Form entstehen aus Geschwindigkeit und Körperbewegung, also aus einem Vorgang, der sich nicht vollständig planen lässt und gerade deshalb glaubwürdig bleibt. Hier wird die Malerei körperlich, beinahe performativ: Die Spur verrät die Geste, und die Geste wird zum Ereignis auf der Fläche. Auch Kohle tritt in diesen Schritt ein als trockenes, direktes Medium, das den fließenden Charakter der Verläufe bewusst bricht. Farblich baut Verena Hoffmann-Meda dabei Kontraste auf, die den Blick „aufwecken“: Die ruhige, kontemplative Zone des Verlaufs wird durch Reibung aktiviert.
Eine rote Leinwand auf einem Tisch in einem Atelier.
Verena Hoffmann-Meda in einer rosa gestreiften Schürze arbeitet mit Pinseln an einer Leinwand.
Nahaufnahme eines abstrakten Gemäldes auf Leinwand mit blauen, grünen und gelben Farbspritzern und Texturen.
Eine Hand mit rotem Nagellack hält einen Spachtel und verteilt rosa Farbe auf einer Leinwand mit Farbspritzern.
Eine Hand hält einen grünen Pinsel und streicht rote Farbe auf eine Oberfläche.
Verena Hoffmann-Meda in einer rosa gestreiften Schürze hält einen Pinsel und malt auf einer lila Oberfläche.
Fotos: Tobias Schäfer
Charakteristisch ist zudem, wie sie das Atmosphärische mit konkreten Elementen koppelt. Verena Hoffmann-Meda testet die Wirkung der Verläufe im Zusammenspiel mit klar gesetzten Formen, abgeklebten Bereichen oder gegenständlich gemalten Objekten. Diese Elemente sind weniger Illustrationen als vielmehr Erinnerungsreste: etwas, das plötzlich vor dem inneren Auge auftaucht, ohne sich vollständig erklären zu lassen. Genau darin liegt die Stärke für Kenner wie für Käufer: Das Bild gibt keine eindeutige Geschichte vor, aber es bietet eine präzise gebaute Bühne für Bedeutung. Man fragt weniger „Was ist das?“, sondern vielmehr „Warum trifft mich das?" oder "Was löst es in mir aus?“.
Die Inspirationsquellen bleiben dabei bewusst nah am Leben: Reisen, Alltagssituationen, gelesene Sätze, Bücher, Fragmente, die sich festsetzen und nach einer Form verlangen. Verena Hoffmann-Medas Malerei wirkt wie eine Sinnklärung, allerdings nicht im belehrenden Sinn, sondern als Angebot: Die Technik erzeugt Tiefe, die Komposition hält Spannung, und die Bildsprache lässt Raum. So entsteht Kunst, die zugleich zugänglich und anspruchsvoll ist, weil sie nicht auf bloße Wirkung zielt, sondern auf Erfahrung. Wer ein Werk von Verena Hoffmann-Meda betrachtet, sieht nicht nur Farbe: Man betritt einen Zustand zwischen Erinnern und Erfinden, zwischen Ruhe und Störung. In dieser präzise hergestellten Schwebe, entfaltet sich das Besondere.
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